IT-Lehrlinge, die ein wenig mehr mitbringen



IT-Fachkräfte sind Mangelware. ZIB Training bietet hier eine neue Option … und bildet Frauen eng abgestimmt mit den Lehrbetrieben gezielt für gefragte technische Berufsbilder aus.



Nurcan Doganci hat sich schon immer für die IT interessiert: „Für mich ist es das ideale Berufsbild, weil es mir einfach Freude macht, mich weiterzubilden. Und in der IT hat man nie ausgelernt, weil sich laufend etwas technisch ändert.“

Ohne das P.Qu-Programm und die Unterstützung bei ZIB hätte sie allerdings nicht daran gedacht, tatsächlich die Ausbildung zur IT-Technikerin zu machen:

"Ich glaube, so geht es vielen anderen Frauen auch. Es braucht den Anstoß und die Unterstützung, diesen Berufsweg dann tatsächlich einzuschlagen. “

Im War for Talents sind Frauen in der Technik jetzt wirklich gefragt


Die gelernte pharmazeutisch kaufmännische Assistentin mit Berufserfahrung in einer Apotheke ist eine von jährlich 130 Frauen unterschiedlichsten Alters ab 18, mit und ohne Migrationshintergrund, die von ZIB Training bei der Ausbildung in einem für Frauen nicht-traditionellen Lehrberuf, im zweiten Bildungsweg, unterstützt werden.

„P.Qu“ im Kurztitel des Programms steht für „Punktgenaue Qualifizierung“. Voraussetzungen für die Teilnahme sind: Volljährigkeit, Hauptwohnsitz in Niederösterreich, Vormerkung beim AMS und Absolvierung einer Vorqualifizierung im FIT-Programm. „FIT“ steht für „Frauen in Handwerk und Technik“ und umfasst insgesamt 219 Berufe.


„Immer mehr Frauen gehen in die Richtung technischer Berufe, das Rollendenken hat sich bereits geändert“, konstatiert Veronika Swoboda, die als Beraterin bei ZIB im P.Qu-Programm tätig ist. „Der Trend geht besonders stark zur Informationstechnologie, von der klassischen IT-Technik oder Netzwerk-Administration über Applikations- und Web-Entwicklung bis zur Digitalen Produktion in einem automatisierten Arbeitsumfeld. Ziel des Programms ist das positive Absolvieren einer Lehrabschlussprüfung in einem dieser Berufe.“


Lebenserfahrung wird zum Vorteil


In Zeiten des immer heftigeren War for Talents und zugleich zunehmend neuer Rollen und Skills werden die P.Qu-Absolventinnen für Unternehmen immer interessanter, „darunter so namhafte wie die NÖN oder PORR“, freut sich die Beraterin.

„Mittlerweile kommen immer mehr Unternehmen auf uns zu. Die Nachfrage ist so groß, dass wir gar nicht genug Frauen ausbilden können.“

Einer der ersten Projekt-Partner war die Berndorf AG, die etwa 100 Mitarbeiter, die in Pension gehen, ersetzen muss. „Im Triestingtal, abseits von Ballungszentren, ist es umso schwieriger, so viele Leute für diese Berufe zu finden“, erzählt Swoboda.


„Und bei Lehrlingen scheitert es da oft schon am fehlenden Führerschein", ergänzt ZIB-Beraterin Elisabeth Grünmann. Zudem dürfen Minderjährige auch viele Maschinen in einem automatisierten Arbeitsumfeld nicht bedienen. Außerdem wissen gereifte Persönlichkeiten in der Regel schon viel genauer, was sie wollen und sehen den Job nicht nur als Zwischenstation für etwas wirklich Cooles, das sie später machen wollen.“


Die Lebenserfahrung von Frauen, die nicht frisch von der Schule kommen, oft schon Kinder haben und vielleicht auch eine Scheidung hinter sich und allein erziehend sind, wandelt sich für ZIB-Projektkoordinatorin Lisa Falteiner in der Praxis immer öfter zum Vorteil: „Gerade in technischen Berufen wie in der IT ist es wichtig, dass man mit Leuten aus anderen Bereichen zusammenarbeitet und eine Problemstellung von unterschiedlichen Seiten betrachten kann. Und dafür braucht es Sozialkompetenz.“


Dass das AMS nicht nur die Kosten für das ZIB-Programm, sondern vor allem die Lohnfinanzierung der Frauen und die Sozialversicherung während der verkürzten zweijährigen Ausbildung übernimmt, macht das Ganze für Lehrbetriebe noch interessanter.


Neues zu lernen als Mindset


Nurcan Dogancis Freude daran, sich weiterzubilden, ist genau das Mindset, das auch Sophie Almhofer von RISE überzeugt hat. „Nurcan ist unser erster Lehrling“, erzählt die HR-Managerin „Und lernen kann man bei uns im Haus sehr viel. Aber sie bringt zudem auch einen anderen Blickwinkel mit, weil sie nicht aus der IT kommt … anders als HTL-Absolventen, an die man zunächst bei der Ausbildung vielleicht denkt. Das hat sich gleich zu Beginn gezeigt, als sie in unserem Support-Team an einem Projekt mitgearbeitet hat, bei dem sie mit Ärzten zu tun hatte. Da konnte sie ihre Pharmazie-Erfahrung sehr gut einbringen.“


RISE steht für Research Industrial Systems Engineering. Als Software-Unternehmen mit einem starken Fokus auf Forschung und Entwicklung spürt der Spin-Off der TU Wien den War for Talents massiv. 300 Mitarbeiter sind für das Unternehmen in der Zentrale in Schwechat tätig. Da gibt es eine Vielzahl unterschiedlicher Rollen zu besetzen und weiterzuentwickeln und dabei steht für Almhofer fest:

"Heute bedarf es mehr denn je offener Mitarbeiter ohne Tunnelblick. Das gilt nicht nur für neue Jobs, die durch die Digitalisierung entstehen, ...

... sondern genauso für Software-Entwickler oder Security-Experten, die in ihrer Disziplin permanent dazu lernen müssen. Und im Projektmanagement sind ohnehin Allrounder mit einem weiten Blickfeld gefragt. Um Probleme zu lösen, aber auch um neue Fragen anzustoßen.“


Um solche Mitarbeiter zu finden, setzt man bei RISE kaum mehr auf konventionelle Searches. Stattdessen rekrutiert man über Empfehlungen durch die eigenen Mitarbeiter und über Kooperation wie jene mit ZIB-Training.

Dort betreut man die Teilnehmerinnen des P.Qu-Programms während ihrer Ausbildung kontinuierlich und erstellt dafür einen persönlichen Bildungsplan, um die fachlich-theoretischen Inhalte zu vermitteln. In individuellen Schulungen werden Kompetenzen und Stärken weiter entwickelt, um nicht nur auf die Bedürfnisse der einzelnen Kandidatinnen einzugehen, sondern um den Frauen die Möglichkeit zu geben, ihre Rolle, die von Unternehmen zu Unternehmen unterschiedlich interpretiert wird, optimal ausfüllen zu können.


„Umso wichtiger ist es, dass Ausbildung und Betrieb nicht auseinanderklaffen“, betont Elisabeth Grünmann. Man versucht schon vor dem Start der Ausbildung einen reibungslosen Ablauf sicherzustellen – durch ein sorgfältiges Matching der Kandidatinnen und der Lehrbetriebe. Die Frauen haben vier Wochen lang die Möglichkeit die Praxis im Unternehmen zu testen, um sich eventuell noch anders zu entscheiden.

„Die Firmen können auf diese Weise nur gewinnen. Sie tragen, abgesehen von den Ausbildungskosten, kein finanzielles Risiko", ...

... ist Grünmann überzeugt. „ Und wir bemühen uns, sie möglichst umfassend zu unterstützen, klären die Rahmenbedingungen mit der Personalabteilung und kümmern uns, gemeinsam mit dem AMS, auch um die Lehrabschlussprüfung bei der Wirtschaftskammer.“


Auch von den Lehrbetrieben ist Offenheit für Neues gefragt

Dennoch sieht Lisa Falteiner eine Challenge für die Lehrbetriebe.

„Die Unternehmen müssen sich darauf einlassen, ihre Fachkräfte selbst auszubilden.

Dazu muss man sich Gedanken machen und das auch in der eigenen Organisation umsetzen. Wenn man engagierte und loyale Mitarbeiterinnen entwickeln möchte, muss man auch etwas investieren.“


Nicht nur für die Bewerberinnen, sondern auch für die Unternehmen gilt es da, offen für Neues sein. Zum Beispiel dafür, dass die Währung; in der die Investition erfolgt, nicht mehr nur „Euro“ oder „Boni“ heißt, sondern mindestens genauso „Vertrauen“ und „Flexibilität“.


Für Sophie Almhofer ist das allerdings eine Investition, die sich lohnt: „Wenn wir Vertrauen in unsere Mitarbeiter setzen und ihnen flexible Arbeitsmöglichkeiten bieten, dann rechtfertigen sie das durch Leistung.“

So hat die RISE GmbH auch einen Standort im Waldviertel eröffnet, weil dort besonders viele Langzeitmitarbeiter daheim sind. Zur offenen Firmenkultur, die auf die Bedürfnisse der Mitarbeiter eingeht, gehören aber genauso individuelle Fortbildungspläne und ein Miteinander unterschiedlicher Kulturen, beispielsweise mit einem speziellen Raum, in dem muslimische Mitarbeiter ihr Gebet verrichten können.


Die Möglichkeit, beim künftigen Job manchmal auch vom Home Office aus oder in einem flexiblen Teilzeitverhältnis arbeiten zu können, ist gerade für allein erziehende Frauen wie Nurcan Doganci eine positive Motivation, die sie zu schätzen weiß. Motiviert fühlte sie sich allerdings schon vom ersten Tag ihrer Ausbildung an: „Anfangs hatte ich schon Angst, mit den erfahrenen IT-Experten und den vielen Akademikern bei RISE nicht mithalten zu können. Und da ist es sehr angenehm und ermutigend, wenn man auch als Lehrling gleich genauso wie alle anderen behandelt und voll integriert wird.“


Vom Start weg war sie in spannende Projekte eingebunden. Ihre Aufgaben reichen dabei quer durch alle IT-Bereiche … vom Testen über die Software-Entwicklung bis zur Netzwerktechnik und ins Rechenzentrum. Und für das eine oder andere Fragezeichen, das sich dabei vielleicht auftut, steht ihr bei RISE ein eigener Mentor zur Seite.


Die Entscheidung zum ersten Mal, in Kooperation mit ZIB-Training, selbst die Lehrlingsausbildung zu übernehmen, hat sich für Sophie Almhofer eindeutig bewährt:

„Dem eigenen Aufwand steht ein Output gegenüber, der sich rasch gezeigt und uns auf diesem Weg bestärkt hat.

Unser Ziel ist schließlich nicht, für zwei Jahre einen Lehrling zur Verfügung zu haben, sondern langfristig eine top ausgebildete Mitarbeiterin zu gewinnen.“



Von Carmen Windhaber; Fotos: Lisa Resatz

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