IT-Fachkräftemangel ist (auch) eine Frage des Geldes



Der Markt für IT-Fachkräfte ist heiß umkämpft. An welchen Schrauben ein Unternehmen – in und nach der Krise – drehen sollte, weiß Benchmark-Experte Manfred Troger und nennt Zahlen.



Alle Anzeichen sprechen dafür, dass auch nach Überwindung der COVID-19-Krise IT-Fachkräfte ein gefragtes Gut sind. Am Anfang des Jahres fehlten in Österreich je nach Erhebung zwischen 5.000 und 10.000 Experten. Und die EU-Kommission rechnet für dieses Jahr europaweit mit einer Lücke von bis zu einer Million IT-Arbeitskräften. Durch den bevorstehenden Abschwung wird diese Lücke zwar kleiner werden, die Folgen für Unternehmen bleiben aber: Gehaltssteigerungen, HR-Aufwand, Auslagerung sowie nicht realisierte Einnahmen. Speziell Forschungseinrichtungen, Behörden sowie kleine und mittlere Firmen (in ländlichen Regionen und ohne bekannte Arbeitgebermarke) stehen vor der Herausforderung, dass sie IT- und Innovationsprojekte verschieben müssen, weil ihnen die nötigen Experten fehlen.

Gestützt wird dies durch eine Online-Umfrage von Maturity, in der viele Unternehmen Schwierigkeiten bei der Besetzung offener IT-Stellen einräumen und der Aussage zustimmen, dass sich die Situation in den vergangenen Jahren verschlechtert hat. Kein Wunder, denn laut 51 Prozent der Studienteilnehmer wurde ihre IT-Organisation im Jahr 2019 ausgebaut, und nur in 14,4 Prozent der Fälle ist die IT-Belegschaft geschrumpft. Der Prozess, um eine offene Stelle zu besetzen, dauert im Durchschnitt über fünf Monate, bei jeder fünften Vakanz sind es sogar bis zu zwölf Monate. Gerade in zeitkritischen IT-Projekten entfaltet dies eine starke Bremswirkung.

Der Fachkräftemangel erstreckt sich nicht auf alle IT-Felder in gleicher Weise


Doch es gibt auch gute Nachrichten: In der Studie wurde bestätigt, dass sich der Fachkräftemangel nicht auf alle IT-Felder erstreckt – so rangieren Experten für IT-Support und Helpdesk im unteren Drittel der Skala, SAP-Fachleute und Infrastruktur-Spezialisten liegen im Mittelfeld. An der Spitze der Nachfrage finden sich indes Kompetenzen, die schon seit Jahren die Berichterstattung prägen und die zukunftsweisend sind:

IT-Sicherheit, Digitalisierung, Agile, Cloud und DevOps. Hier spielt heute die technologische Musik.

Harte Währung kommt vor weichen Werten

Bei der Frage nach den Gründen, warum Kandidaten den Arbeitsvertrag bei einem Unternehmen letztlich nicht unterschreiben, zeigt sich ein zentrales Problem: die Vergütung.

Immerhin 44,5 Prozent der Befragten erachten das niedrige Lohnniveau als wichtigsten Grund dafür, dass IT-Spezialisten eine offene Stelle ablehnen.

Danach folgen eine unausgeglichene Work-Life-Balance sowie die geringe Bekanntheit des Arbeitgebers. Dies widerspricht der gängigen Aussage, wonach IT-Experten in erster Linie an Entwicklungspotenzial und fachlichen Herausforderungen interessiert sind. In der Gegenprobe zeigt sich, wie weit Experten und Arbeitgeber auseinander liegen: Bei den Maßnahmen der Unternehmen gegen den Fachkräftemangel landet eine höhere Vergütung auf dem letzten Platz, weit hinter flexibleren Arbeitsbedingungen und einer forcierten Weiterbildung.

Unternehmen setzen auf flexible Arbeitsbedingungen und eine intensivierte Weiterbildung

Der Graben resultiert aus einer unterschiedlichen Bewertung der Skills und Qualifikationen durch die Bewerber selbst sowie durch Manager aus der IT und dem Personalwesen. Weiche Werte und das Bauchgefühl werden dann mit vermeintlich handfesten Zahlen zur Vergütung korreliert und in einen Gehaltsrahmen gepresst. Zudem entsprechen die Gehaltsdaten oft nicht den aktuellen Marktwerten für interne sowie für externe Mitarbeiter, also Freelancer oder Berater von Outsourcing-Providern. Hier öffnet sich eine große Grauzone, in der dann Diskussionen über eine „angemessene“ Vergütung von IT-Experten ablaufen.

Ein Beispiel für die Grauzone ist der durchschnittliche Stundensatz von IT-Freelancern, der regelmäßig durch die Medien geistert. Berichten zufolge liegt er aktuell über 90 Euro die Stunde. Das Problem ist, dass es den einen Freelancer nicht gibt, weshalb sich der Stundensatz je nach Qualifikation, Erfahrung und Branche laut der Maturity-Datenbank zwischen 45 und 150 Euro bewegt. Die Spreizung zeigt sich auch bei den Tagessätzen für Berater von IT-Dienstleistern, die sich gemäß unserer Datenbank je nach Skillstufe von gut 600 bis knapp 1.300 Euro erstrecken. Blickt man auf Anwendungsentwickler, sind es noch einmal bis zu 100 Euro pro Tag mehr.

Dass man die Preise für Berater und IT-Freelancer nicht mit den internen Gehältern aufwiegen kann, wird oft vergessen, was bei Festangestellten zu Begehrlichkeiten führt.

Wer heute Experten für IT-Security im Rahmen eines Digitalisierungsprojekts benötigt, muss tief in die Tasche greifen oder anderweitig punkten

Dabei haben Unternehmen verschiedene Möglichkeiten, um Preise und Leistungen realistisch zu vergleichen und fundierte Entscheidungen zu stellen. Dazu zählen etwa ein professionelles Anforderung-Management, die Klassifizierung der Mitarbeiter in Skill-Frameworks, gezielte Weiterbildung sowie Analysen der Personalstrukturen und der Komplexität.

Externe Preise lassen sich beispielsweise über langfristige Abnahmevereinbarungen, Training on the Job, passende Abrechnungsmodelle, den Know-how-Transfer sowie eine detaillierte Bedarfsplanung reduzieren.


Eines ist jedoch klar: Wer heute Experten für IT-Security im Rahmen eines Digitalisierungsprojekts benötigt, muss tief in die Tasche greifen oder anderweitig punkten. Nur so kann er bei aktuell nachgefragten Skills den „Schwarzen Peter“ an seine Wettbewerber weiterreichen.


Fazit: Auch nach Überwindung von COVID-19 werden ausgewählte Fachleute in zukunftsweisende Bereiche wie IT-Sicherheit, Digitalisierung, Agile, Cloud und DevOps händeringend gesucht und Firmen tun gut daran, die Voraussetzungen für flexible Arbeitsbedingungen und für intensivierte Weiterbildung weiter auszubauen.




Über den Autor:

Dr. Manfred Troger gehört zu den führenden Experten und Beratern für Benchmarking im IT-Bereich. Anhand von Vergleichen mit anderen Organisationen identifiziert er Aufwandstreiber und überprüft eingekaufte IT-Leistungen auf Angemessenheit und Marktkonformität, um klare und belastbare Entscheidungen treffen zu können. Als Geschäftsführer des internationalen Beratungshauses Maturity unterstützt er auf diese Weise IT-Führungskräfte dabei, durch detaillierte Analysen und handlungsorientierte Empfehlungen messbare Vorteile in Kosten, Leistung und Service zu realisieren. Davor war der studierte Biomedizintechniker in unterschiedlichen High-Tech Firmen tätig und baute die Niederlassung von Gartner (Group) in Österreich auf.



Fotos: Lisa Resatz


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