Innovation kommt bei uns nicht aus einem Lab



Die digitale Ära erfordert neue Lösungen. Für die CEOs von Axians ICT Austria, Edgar Reiter und Peter Werzer, sind die nur im agilen Miteinander zu finden … intern und mit den Kunden.



Peter Werzer und Edgar Reiter sind Vorgänger und Nachfolger. Reiter hat Anfang dieses Jahres die Rolle des CEO von Axians ICT Austria angetreten, in der Werzer zuvor fünf Jahre lang agiert hat … und das äußerst erfolgreich. Die österreichische Tochter des internationalen Vinci-Konzerns verzeichnete einen laufenden Zugewinn an Marktanteilen und ein Wachstum, das regelmäßig über dem Durchschnitt des IT-Marktes lag. Dass die Übergabe dennoch mehr als ein schnelles Abklatschen erforderte, war beiden klar. Bewusst haben sie sich für eine gemeinsame halbjährige Übergangsperiode entschieden. Weil man sich mitten in einem Prozess befindet, den man schon vor Jahren gestartet hat, und der heute für jedes Unternehmen die ganz große Herausforderung ist: die digitale Transformation. Und für den Solutions- und Service Provider ist es eine noch größere Herausforderung: Denn es gilt zugleich auch die Transformation der Kunden zu unterstützen … mit den richtigen innovativen Lösungen. Und die schafft man nur mit neuen Denkansätzen.

Sie haben beide schon eine Reihe von technologiegetriebenen Veränderungen erlebt. Was sind für Sie die größten Herausforderungen der digitalen Transformation von heute?


Reiter: Bislang hatten die Umwälzungen und Revolutionen in der Technologie meist eines gemeinsam: Es wird überschätzt, was sich alles in den nächsten ein, zwei Jahren ändern wird, aber unterschätzt, wie viel sich im Rückblick über zehn Jahre dann doch geändert hat. Zum Beispiel ist es aus heutiger Sicht verblüffend, welche Vielfalt an digitalen Funktionen und Nutzen im letzten Jahrzehnt in ein Smartphone hineingepackt wurde.

Die Zeiträume, in denen sich diese Entwicklungsschübe abspielen, werden jetzt aber dramatisch kürzer. Am Ende dieses Jahrzehnts wird die Welt in vielen Bereichen völlig anders aussehen als heute.

Diese extreme Beschleunigung macht die aktuelle digitale Transformation tatsächlich zu einer Herausforderung auf einem völlig neuen Level.


Werzer: Und die Geschwindigkeit ist nicht der einzige Faktor, der sich grundlegend ändert: Früher hat man Prozesse digitalisiert und dabei – auch die Kundenprozesse – bis an die Unternehmensgrenze gezogen. Die Prozesse, um die es jetzt geht, reichen weit über die Unternehmensgrenzen hinaus … bis zum Endkunden des Kunden. Und zweitens: Bislang sind die Revolutionen vor allem im Consumer-Verhalten ausgelöst worden. Diese Revolution trifft aber auch den Business-Bereich mit voller Stärke. Und wird dadurch für die Unternehmen nicht nur zum Technologiethema, sondern noch viel mehr zu einem Kulturthema. Die digitale Transformation von heute verlangt eine ganz andere Unternehmenskultur als die noch immer gelebten Denkmuster des Taylorismus, in dem die Führungskräfte vorgeben und kontrollieren, was zu tun ist, und die Mitarbeiter das exekutieren. Das ist vielen noch nicht bewusst.


Aber das Bewusstsein, dass sich hier Grundlegendes ändert, müsste mittlerweile doch vorhanden sein.


Werzer: Dieses Bewusstsein ist prinzipiell auch da und viele Unternehmen haben da ja schon Ansätze gestartet. Aber die meisten fokussieren sich dabei vor allem auf neue Technologien … und bleiben gleichzeitig in ihrer alten Kultur verhaftet.

Wenn man Dinge jedoch tiefgreifend verändern und komplett neu gestalten will, muss man bei der Unternehmenskultur beginnen. Diese dann im zweiten Schritt nachzuziehen und anzupassen, wird nicht funktionieren.

Reiter: Eine neue, agile und autonome Unternehmenskultur, ist schon deshalb notwendig, weil heute niemand genau weiß, wie sich der Markt und die Welt entwickeln werden. Wenn es in zehn Jahren zum Beispiel um ein Drittel weniger Autos gibt, dafür aber selbstfahrende, wird das zu ganz anderen Mobilitätskonzepten führen. Und ebenso wird es, ausgelöst und ermöglicht durch Digitalisierung und Technologie, auch neue Konzepte von Arbeit und Freizeit und hoffentlich auch eine neue Lebens- und Umweltqualität geben. Wir können mit unserem Unternehmen durch innovative Lösungen maßgeblich zu diesem umfassenden Kulturwandel mit beitragen. Das macht es so unglaublich spannend.


Gerade diese innovativen Lösungen sind aber eben nur schwer zu antizipieren.


Reiter: Die großen Themen und Leitlinien kennt man schon und kann einschätzen, wie die Szenarien und Anforderungen in einem halben oder vielleicht einem Jahr aussehen werden. Was jedoch in drei Jahren sein wird, was dann unsere Kunden und wir selbst produzieren werden, können heute tatsächlich weder unsere Kunden noch wir mit Bestimmtheit voraussagen. Deshalb ist es für uns wichtig, die Needs unserer Kunden ganzheitlich zu verstehen und vorauszudenken, wie und wo die digitale Transformation ausstrahlen wird. Was bedeutet es zum Beispiel für die vielen heimischen Zulieferer in der Automobilindustrie, wenn auf Elektromotoren umgestellt wird?

Was bedeutet die digitale Transformation für künftige Rollen und für die Ausbildung in vielen Bereichen? In zehn Jahren wird es Berufe geben, von denen wir heute noch gar nichts wissen.

Werzer: Was wir heute allerdings schon genau wissen, ist, dass wir extrem agile Organisationen brauchen, um auf diese Änderungen rasch zu reagieren. Und dafür braucht es auch eine neue Art von Leadership und von Führungskräften … solche, die durch Vertrauen und Autonomie Agilität ermöglichen und sie nicht durch Vorgaben und Kontrolle behindern oder unmöglich machen.



Reiter: Das gilt umso mehr, weil es auch eine neue Art braucht, Innovationen zu entwickeln. Früher überlegten sich ein paar Leute in einem Thinktank eine Lösung und rollten die dann für die nächsten zwei Jahre aus. Heute kann aber kein Thinktank, auch noch so schlauer Köpfe, im Labor die richtige Lösung für die Zukunft voraussagen. Dazu ist es nötig, aus den Ideen aller in unserem Fall 450 Mitarbeiter zu schöpfen.


Sie setzen also nicht auf Innovation Labs, wie sie bei vielen anderen gerade im Trend liegen?


Werzer: Innovation kommt bei uns nicht aus einem Lab und auch nicht aus einem ausgegliederten Start-up.

In der Realität schaffen solche dezidierten Innovationseinheiten weniger Innovation als vielmehr Frust.

Zunächst bei denen, die nicht dabei sein dürfen, und dann auch bei den Innovationseinheiten selbst, wenn ihre Ideen und irgendwann auch sie selbst wieder in eine hierarchische Organisation eingegliedert werden. Wir sehen das ganze Unternehmen als unser Innovation Lab … und wollen unsere Mitarbeiter durch offene Rahmenbedingungen und ein Klima, in dem sie sich wohlfühlen und kreativ sein können, motivieren, ihre Ideen einzubringen.


Ihr Unternehmen liefert erfolgreich Lösungen für den Infrastruktur-Bereich genauso wie für Themen wie AI und Big Data – gibt es da nicht unterschiedlichen Bedarf und unterschiedliche Herangehensweisen an Innovationen?


Reiter: Unsere Themen spiegeln die unserer Kunden wider. Auch die müssen sich mit unterschiedlichsten Themen beschäftigen, mit klassischen IT-Projekten, die es auch noch sehr lange geben wird, und mit komplett neuen Themen, so wie das zum Beispiel auch unsere AI-Gruppe tut. Aber wir unterscheiden hier nicht in unserer Herangehensweise. In jeder Business Unit, auch in der IT-Infrastruktur, braucht es kreative Köpfe.

Schon vor zehn Jahren hat man vorausgesagt, dass keine Infrastruktur-Lösungen mehr benötigt werden, weil ohnehin alles aus der Steckdose kommen wird. Heute sehe ich jedoch einen Trend zu innovativen Hybridmodellen, und zwar nicht nur in der IT. Man braucht den großen Stromanbieter genauso wie die Solaranlage auf dem Dach. Der Trend wird vor allem durch Themen wie Sicherheit und Datenschutz immer stärker, aber zugleich auch durch den Bedarf an agilen und marktspezifischen Lösungen für das Business. Und um diese Ansprüche zu erfüllen, braucht es mehr als weltweit ein paar große Rechenzentren in China und den USA.


Werzer: Es wäre auch ein grundlegender Fehler zu sagen, ein Bereich sei weniger innovativ als ein anderer. Grundsätzlich steckt in jedem Menschen Kreativität. Die Frage ist nur, wie viel man ihm oder ihr ausgetrieben hat.

Gerade im Infrastrukturbereich können wir unseren Kunden wirkliche Innovationen bieten, zum Beispiel die Ausweitung der Bezugsmodelle von Product to Service to Platform, ganz auf die individuellen Anforderungen des Unternehmens anpassbar.

Reiter: Diese individuellen Anpassungen sind auch ein wesentliches Kriterium für die neue Form der Zusammenarbeit mit den Kunden, die künftig notwendig wird. Innovationen werden nicht mehr für den Kunden gemacht, sondern gemeinsam mit dem Kunden.


Wie stellt sich das konkret dar?


Reiter: Der Weg zur Lösung hat sich geändert. Heute bestimmen nicht mehr die Hersteller, wie neue Technologie eingesetzt wird, sondern die Kunden. Früher hat man dem Kunden fertige Lösungen präsentiert und erzählt, wofür er sie brauchen kann.

Heute geht es nicht mehr darum, eine fertige Lösung zu liefern oder bei der Implementierung zu beraten und sich dann zu verabschieden. Heute heißt es immer stärker, mit den Kunden in Co-Creation gemeinsam die richtige Lösung zu erarbeiten.

Dazu müssen wir uns mit den Kunden noch viel intensiver austauschen, und zwar nicht nur einmal bei einer Spezifikation, sondern laufend. Ihm noch intensiver zuhören, aber ihm zugleich auch unsere Ideen – statt fertiger Lösungen – präsentieren.


Werzer: Und was dabei auch neu ist: Diese Co-Creation erfolgt nicht mehr über ein oder zwei exklusive Schnittstellen zum Kunden, und über Ideen, die über exakt vordefinierte Prozesse hierarchische Strukturen durchlaufen müssen, bis sie dann vielleicht abgesegnet werden. Bei uns sind 300 Mitarbeiter täglich in irgendeiner Kundeninteraktion. Natürlich ist da der SAP-Spezialist in erster Linie für sein Spezialgebiet zuständig, aber wenn er merkt, dass das Netzwerk beim Kunden zu langsam ist, ist er gefordert, sich aktiv einzubringen. Dazu müssen wir neue Rahmenbedingungen schaffen – organisatorische, aber vor allem kulturelle. Zum Beispiel das Mindset, zu erkennen, was für eine andere Business Unit wichtig ist, und sich nicht davor zu scheuen, das anzusprechen.


Reiter. Das ist deshalb so entscheidend, weil die verschiedenen Bereiche, bei uns genauso wie bei unseren Kunden, durch die digitale Transformation immer enger ineinander greifen. Nur eine echte 360-Grad-Sicht auf den Kunden, quer über alle Business Units – seine und unsere – ermöglicht künftig wirklich innovative Lösungen. Das war auch der Beweggrund für uns, unsere Themenpalette in den letzten Jahren bewusst zu erweitern, von Infrastruktur über SAP, Data Center und Cloud bis zu IoT und AI. Diese Palette wird jetzt zu einem Trumpf, den wir unseren Kunden in die Hand geben können, und zur Chance, auch komplett neue Anforderungen, die sich in der digitalen Ära auftun, zu meistern … mit den richtigen innovativen Lösungen. Und die gilt es aus dieser Palette auf kurzen schnellen Wegen gemeinsam mit unseren Kunden zusammenzusetzen.




Von Michael Dvorak; Fotos: Lisa Resatz

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