Eine Digitalization-Drehscheibe, der man vertraut


In der ERBER Group liefern die Fachbereiche, wie F&E, die Ideen für digitale Innovationen. Die IT um CIO Gerhard Grün spielt dennoch eine zentrale Rolle – als agiler Umsetzungspartner.


Die ERBER Group ist eine weltweit führende Firmengruppe im Bereich der Lebens- und Futtermittelsicherheit mit den Schwerpunkten auf natürliche Futtermitteladditive, Futter- und Lebensmittelanalytik und auf Pflanzenschutz. Die Unternehmensgruppe umfasst BIOMIN, ROMER LABS, SANPHAR und EFB und ist inklusive Vertriebspartnern in über 130 Ländern vertreten – in 38 davon mit eigenen Niederlassungen. Forschung und Entwicklung gehört zur ERBER-DNA. Ein wesentlicher Baustein ist, permanent die eigenen Prozesse zu verbessern ... und natürlich setzt man dazu immer stärker auf digitale Möglichkeiten. Mit einer Vielzahl an Einzelaktivitäten quer durch alle Bereiche und seit etwa einem halben Jahr auch mit einer konsolidierten digitalen Roadmap, wurden drei Kernbereiche definiert: Customer Experience, Operation Production und Digital Products & Services.


Die Rolle von Gerhard Grün und seiner IT-Organisation ist dabei klar definiert: „Wir sind keine Molekularbiologen, die unsere Produkte inhaltlich innovativer machen können. Damit sich die IT inhaltlich ins Kerngeschäft einbringen könnte, ist das Fachwissen einfach viel zu spezifisch.“ Dennoch ist die ERBER-IT bei der Digitalisierung in einer zentralen Rolle mit strategischem Stellenwert gefragt: als kompetenter und rascher Umsetzungspartner.

Über die Practices erzählte Gerhard Grün, so wie viele andere hochkarätige IT & Digital Executives auch beim diesjährigen LSZ CIO Kongress in Loipersdorf auf der Bühne … und im DIGBIZ LEADER-Interview:

Herr Grün: In vielen Unternehmen muss die IT in den Fachabteilungen in Sachen Digitalisierung Überzeugungsarbeit leisten, das müssen Sie offenbar nicht?


Bei uns entwickeln die Fachbereiche eine Vielzahl an Ideen, wie sie ihre Arbeit digital optimieren könnten. Die IT fungiert als agile Umsetzungsplattform und als Drehscheibe zwischen diesen Ideen und den Möglichkeiten, Angeboten und Vendoren, die es am Markt gibt. Unsere Herausforderung ist es, laufend Services und Tools zu sondieren und auszuprobieren, wie sie funktionieren, etwa, wie Cloud Services deployed werden oder automatisiert Server hochgefahren werden können. Wenn wir erst beginnen würden, nach Lösungen zu suchen und sie zu testen, wenn für ein bestimmtes Projekt bereits grünes Licht gegeben wurde, wären wir viel zu spät dran. Vor allem bei geförderten Forschungsprojekten ist ein stringenter Zeitplan extrem wichtig.


Das heißt, die oft zitierte Geschwindigkeit und Agilität der IT sind in Ihrer Praxis tatsächlich die Schlüsselfaktoren?


Absolut. Dazu kommt noch die Themenbandbreite: Es gilt ein weites Feld zu unterstützen, von Prozessverbesserung bis zur Forschung, auch wenn die IT da nicht selbst bis ins kleinste fachliche Detail vorstoßen muss und kann. Die inhaltlichen Berechnungen kommen selbstverständlich von den Fachabteilungen. Aber man muss sich genau anschauen, wie viele Daten in welcher Form aus welchen Quellen für ein Thema benötigt werden und wie hoch die Kosten, etwa für ein Cloud Service, am Ende des Tages sein werden. Das ist ein wesentlicher Punkt, weil die Kosten oft aus Forschungsgeldern projektspezifisch vergeben werden und zugeordnet werden müssen. Dafür muss die IT als echter, moderner Service Provider agieren, der modulare provisionierte Services und Kostenmodelle bietet.


Die ERBER Group hat in ihrer digitalen Roadmap drei Kernthemen formuliert. Wie unterstützt die IT dabei?


Beim Thema Customer Experience beispieslweise mit unserem Webshop oder mit einer neuen App, die wir gerade planen, die den Kunden hilft, das Risikomanagement beim Befall der Futtermittel durch Schimmelpilze zu optimieren. Bei der Entwicklung binden wir natürlich unsere Kunden und Vertriebspartner eng ein.

Das Ziel ist nicht, sämtliche Features, die Amazon bietet, einfach nachzubauen, sondern sich genau anzuschauen, wie wir den Kunden die Arbeit und das Leben leichter machen können.

Zum Beispiel, indem sie im Webshop alle Rechnungen auf einen Blick geboten bekommen und sich ersparen, selbst suchen zu müssen.

Bei der Produktions-Optimierung ist die IT natürlich über Themen wie Automatisierung involviert. In Haag am Hausruck bauen wir gerade eine neue Produktionsstätte, in der halbautomatisierte Roboter zum Einsatz kommen werden. In diesem Bereich, ist es ein ganz wesentlicher Aspekt, die Daten, die bei der Produktion generiert werden, zu sammeln, zu integrieren und auszuwerten.


Um die Analyse und Nutzung von Daten geht es dann vermutlich auch beim dritten Kernthema, bei den digitalen Produkten und Services?


Genau. Etwa, wenn es um Predictive Services geht, die wir gerade entwickeln und zwar immer ausgehend von Altdaten. Ein Paradebeispiel für solch ein Service ist zu prognostizieren, wie hoch die Kontamination von Futter mit Schimmelpilzen in den kommenden Jahren in welcher geografischen Region sein wird und daraus den optimalen und effektivsten Einsatz von Futtermittelzusätzen abzuleiten. Da gehen wir von den Kontaminationswerten und von den Wetter- und Klimadaten vergangener Jahre aus, um sie mit den prognostizierten Daten zu matchen. Und dabei geht es dann schon ziemlich in die Tiefe: Zu welchem Zeitpunkt stehen Mais oder Soja in der Blüte und sind daher am anfälligsten für die Schimmelpilze? Wann ist der optimale Zeitpunkt, um die entscheidenden aus den sich stündlich ändernden Wetterdaten mit den Analysedaten zu korellieren ? Das ändert sich recht rasch, wenn das Klima wärmer wird und es gilt dabei zunehmend regionsspezifische Mikroklimata zu berücksichtigen.


Wie kann hier die IT konkret Mehrwert einbringen?


Indem sie bei der Umsetzung solcher Services sehr rasch mit Prototypen startet, um Funktionalitäten und Modelle auszuprobieren. Und immer mehr auch, indem sie Standards erarbeitet und aufbereitet um die wachsende Zahl an verschiedenen internen und externen Enden und Datenquellen zusammenzubringen.


Hilft hier die Erfahrung als IT eines weltweit agierenden und wachsenden Unternehmens, die den Umgang mit unterschiedlichen System- und Datenschnittstellen gewohnt ist?


Die Schnittstellen sind gar nicht das große Problem. Zur Herausforderung werden die enormen Datenmengen, die von Satelliten und bei Berechnungen geliefert werden und die mit den Bestandsdaten zusammengeführt werden müssen. Und das Tempo und der Umfang, wie sie in den nächsten fünf Jahren weiter zunehmen werden.

Man kann Ressourcen für Berechnungsdurchläufe, Simulationen und die Daten selbst als Services zukaufen, man muss sie aber auch selbst speichern. Der Knackpunkt von Predictive Services ist nämlich die Vergleichbarkeit.

Ich muss auf die Daten, die ich für die Vergleichsberechnung von heute und von früher verwendet habe, zugreifen können und zwar auch, wenn sich die Berechnungsgrundlagen ändern. Selbst wenn die Daten, die aus der Cloud und allen möglichen anderen Quellen zur Verfügung gestellt werden, sich künftig verbessern, stellt das ein Problem dar, weil die Modelle nicht mehr passen würden. Deshalb muss man die Altdaten selbst vorhalten.


Angesichts solcher Anforderungen – vielfältige und komplexe Themen auf der einen Seite und schnelle, agile Services auf der anderen – was ist das Rezept, um die IT als Umsetzungspartner in Sachen Digitalisierung zu positionieren?


Der entscheidende Faktor ist, dass die Fachabteilungen hohes Vertrauen in die IT und in ihre Kompetenz haben müssen. Und zwar auch dann, wenn wir intern einmal nicht ganz so schnell und simpel ein Service liefern, wie sie es vielleicht am Markt aus der Cloud per Kreditkarte auf Knopfdruck bekommen könnten. Dafür haben sie die Gewissheit, dass wir alles, was darum herum notwendig ist, berücksichtigen und dass es so unter dem Strich letztlich schneller und kostengünstiger geht. Dieses Vertrauen muss man sich allerdings erarbeiten. Was dabei hilft, ist, sich als IT dabei nicht in den Mittelpunkt zu stellen. Ziel ist es immer, die Arbeit der Fachabteilungen zu verbessern. Wenn eine neue Lösung erfolgreich funktioniert, geht es deshalb nicht darum die Lorbeeren dafür einzuheimsen, sondern dass die Fachabteilungen von „ihrer Lösung“ begeistert sind und darüber reden. Wenn sie dabei dann auch noch erzählen, wie die IT sie dabei unterstützt hat, ist es das Beste, was uns passieren kann.


Von Frantisek Prohaska; Fotos: Lisa Resatz