Digitale Transformation ist ein Generationenprojekt



Wie der Weg des Tiroler Familienproduktionsunternehmens ADLER zum digitalen Leitbild aussieht, erzählte Produktions- und Technikleiter Romed Staggl beim Siemens Digital Talk Austria.



Ende Mai 2019: Zwei Tage lang ist Schloss Mondsee heimischer Hotspot für das Thema Digital Enterprise. Siemens Industry Software lädt zum 8. Mal die heimischen C-Level-Entscheider zum Digital Talk Austria. Die Frage, um die sich alles dreht: Wie kann mein Unternehmen den digitalen Wandel bestehen? Antworten und Anregungen werden industrieübergreifend in hochkarätigen Keynotes ebenso wie in einer Reihe von Breakout Sessions geliefert.

Auf dem Podium: Führende internationale Experten wie Kurt Matzler, Professor für Strategisches Management an der Universität Innsbruck, Co-Autor der deutschsprachigen Ausgabe von „The Innovator‘s Dilemma“ und von Google Scholar unter die Top 40 Strategieprofessoren weltweit gelistet. Und Entscheider wie Romed Staggl.

Der Leiter des Bereichs Produktion & Technik des Holzlackproduzenten ADLER liefert das spannende Praxisbeispiel, wie ein Tiroler Familienbetrieb den Weg von der Vision zur digitalen Transformation geht… nämlich mutig:


Erst heuer hat man mit einem Greenfield-Ansatz neue Produktions- und Logistikanlagen speziell für wasserbasierte Lacksysteme fertiggestellt. Mit einem kompletten digitalen Zwilling des Leitstandsystems. Dafür hat man beachtliche 60 Millionen Euro investiert. Ganz bewusst will sich damit das Top Management rund um Andrea Berghofer, die das Unternehmen in dritter Generation leitet, für die Herausforderungen der Industrie 4.0 rüsten. Die Vision dafür lieferte ihr kein digitales Startup, sondern ihr Vater und langjähriger Vorgänger als Geschäftsführer, Günther Berghofer: Die Wasserlackproduktion von ADLER soll die modernste in Europa sein.


Ein Data driven Kundenerlebnis als Investition für die Zukunft


„Das heißt volle digitale Transparenz über jede Phase und Situation im Shopfloor zu haben“, macht es Romed Staggl konkret. „Um unsere eigene Produktion zu optimieren, aber auch das Zusammenspiel mit den Lieferanten und Kunden.“ So hat man etwa in der Produktion die Tanks mit Sensoren ausgestattet und optimiert so über die Messung des Füllstands die Planung der nächsten Liefertermine.

Im nächsten Schritt will man mit Hilfe von KI Analytics noch viel mehr Möglichkeiten finden, die gesammelten Daten zu nutzen. Solche, die man heute noch gar nicht auf dem Radar haben kann. Auch wenn auf diese Weise die Arbeitsabläufe auch vielfach kosteneffizienter werden, ist ein baldiger ROI kein vorrangiges Thema. Auch die digitale Transformation ist beim Familienunternehmen ADLER ein Generationenprojekt.

„Wir wissen, dass Umsätze und Ergebnisbeiträge vor allem in der Anfangsphase nicht unmittelbar der Digitalisierung zugeordnet werden können“, ist sich Staggl bewusst.

„Aber für uns steht fest, dass die digitale Transformation DER Enabler für zukünftige Wachstumsraten ist.“

Dieses Wachstum kann aus Sicht des ADLER-Managements nur über das Kundenerlebnis führen und das besteht im konkreten Fall aus zusätzlichen Services und Informationen, die man den Kunden liefert, etwa über Bestände, Haltbarkeiten oder Gefahrenthemen. Zum Erlebnis werden solche Smart Data nicht zuletzt dadurch, dass sie zumindest vorerst on top kostenlos geliefert werden. Dass die digitale Transformation zu Beginn eine Investition in die Zukunft ist, gilt es auch den Mitarbeitern vermitteln um sie mit ins Boot zu holen. Eines ist nämlich jetzt schon klar: Niemand wird sich vor der digitalen Welt verschließen können. Und wenn das der Seniorchef, der voriges Jahr stolze 80 wurde, in den Change-Workshops aktiv vorlebt, wird das gleich viel greifbarer. Mindestens genauso nötig ist das Greifbar-Machen am Arbeitsplatz selbst, betont der Produktions- und Technikleiter: „Man muss den Leuten an den Maschinen zeigen, wie die Digitalisierung, über QR-Codes und RFI Tags in der Fertigung oder Logistik, die Abläufe komplett verändert. Das schafft Verständnis für das Neue.“


Die Transformation zum durchgängigen Fluss vom Lieferanten bis zum Kunden


Dieses „Neue“ zu realisieren und die digitale Transformationsstrategie umzusetzen, wird zu einer mehrjährigen Reise mit vielen Etappen werden. Das ist allen klar. Zwar stehen die Richtung und das Ziel fest, der Weg dorthin ist jedoch ein breiter Korridor, der Raum für unterschiedliche Routen bietet. Schon alleine, weil sich dank einer neuen Technologie auch eine neue Abzweigung auftun und eine andere zur Sackgasse entwickeln könnte. „Manchmal heißt das auch umzukehren und einen Schritt zurückzugehen, wenn man dafür auf einer anderen Route vorwärts kommt“, ist Romed Staggl klar. Er weiß auch, an welchen Stellen auf diesem Weg die meisten Stolpersteine lauern – an den Schnittstellen nämlich:

„Meist ist man darauf fokussiert, den eigenen Bereich, etwa die Entwicklung, die Produktion oder den Betrieb, zu optimieren. Das Problem sind aber die Übergänge dazwischen.

Der gesamte Fluss vom Lieferanten bis zum Kunden muss durchgängig ohne Brüche funktionieren. Das wird umso schwieriger, weil jeder Kunde den Anspruch hat, dass wir unsere Lösung an sein eigenes System anpassen. Es gibt aber nicht die eine Lösung, die alles abdeckt. Also brauchen wir offene Plattformen, die es erlauben mit anderen barrierefrei zu interagieren.“


Hermann Kaineder kann dem nur beipflichten. Gerade für Siemens gehört es zur DNA, Standards zu setzen und etwa mit dem IoT-Betriebssystem MindSphere genau solche offenen Plattformen, aber auch die nötigen durchgängigen Software- und Hardware-Konzepte darum herum, zu bieten. Denn ohne diese Durchgängigkeit ist die wachsende Komplexität für die Kunden nicht mehr zu bewältigen, beobachtet der Geschäftsführer der Siemens Industry Software: „Wie manage ich das digitale Abbild meines Produkts von der Planung bis zu den Services, die ich künftig daraus generiere? Dazu braucht es heute ein digitales PLM über den ganzen Lebenszyklus eines Produkts. Und eine übergreifende digitale Plattform, mit der ich an den vielfältigsten Stellen, innerhalb und außerhalb eines Unternehmens, andocken kann. An meine Kunden, meine Partner, meine Lieferanten, an das Internet of Things. Um meine Supply Chain zu optimieren, um neue Services zu gestalten und um Innovationen zu entwickeln.


Die Zeit von Insel-Plattformen wie es klassische ERP und CRM-System früher waren, ist vorbei.“

Der richtige Weg zum digitalen Leitbild


Klaus Grausgruber findet es bemerkenswert wie überlegt ADLER die Schritte zu dieser Durchgängigkeit und zur eigenen Transformation setzt. Der richtige Weg zum digitalen Leitbild ist Kernkompetenz des Strategic Markets Managers bei Siemens Industry Software: „Zuerst braucht man das Big Picture und den Scope. Daraus entwickelt sich die Strategie, und erst danach stellt sich die Frage der Technologie. Und wenn das alles klar ist, macht es Sinn, ein konkretes Projekt zu starten. Quick Wins sind wichtig, um zu zeigen, dass man in die richtige Richtung unterwegs ist. Aber dazu muss ich das Big Picture kennen. Die unterschiedlichen digitalen Handlungsfelder in einem Unternehmen beeinflussen einander.


Wenn ich die Transformation vom falschen Ende beginne, indem ich mit einem isolierten Projekt vorpresche, verbaue ich mir damit möglicherweise andere Handlungsfelder.“

Mit dem eigenen 5S@-Modell liefert Siemens dafür eine Roadmap mit Templates, Bausteinen und Vorgehensmethoden. Ausgangspunkt ist dabei stets der Soll-Ist-Vergleich und das „Digital Why“. „Ich muss meine digitale Transformation immer auf mein eigenes Leitbild ausrichten“, betont Grausgruber. „Meine Roadmap an irgendeinem Reifegrad-Rating zu messen, bringt nicht allzu viel.“


Industrie-Benchmarks und neue Allianzen


Bei der Entwicklung dieses Leitbilds sind Benchmarks aus der gleichen Industrie oder auch aus ähnlichen Unternehmensstrukturen allerdings sehr hilfreich, weiß Hermann Kaineder aus der Praxis: „Wir können hier die breiten Erfahrungen aus unserer eigenen Forschung und unseren eigenen Werken einfließen lassen, ebenso wie die Erfahrungen unserer Industrieexperten aus unzähligen Projekten. Gerade für ein solch komplexes Thema wie die digitale Transformation ist es extrem wertvoll, auf bereits gemachte Erfahrungen und Practices aufbauen zu können.“


Auch Romed Staggl weiß diesen Wert zu schätzen. Er geht aber noch einen Schritt weiter: „Man muss Ansätze komplett neu denken, über das eigene Kerngeschäft und die eigene Branche hinaus. Gerade auf Events wie dem Digital Talk lassen sich spannende Synergien und Kooperationspartner finden. Zum Beispiel, wenn es um die Kernkompetenzen in der IT geht: Wo können hier Kooperationspartner – unabhängig davon, aus welcher Branche sie kommen – einander mit Skills, Erfahrungen und Ressourcen unterstützen? Für eine erfolgreiche Umsetzung von Digitalisierungsprojekten wird es künftig solche ganz neuen Allianzen brauchen und geben.“



Von Michael Dvorak; Fotos: Siemens Industry Software