Digitale Ethik braucht den kritischen Blick



In der digitalen Ära vertraut man auf technische Systeme und Schwarmintelligenz als Kontrollfaktoren. Wolfgang Mitzner, CIO des AIT, fehlt die eigenständige, hinterfragende Sichtweise.


Digitalisierung ist kein neues Phänomen. Digitalisierung passiert seit der Entwicklung der ersten Rechenmaschinen. Allerdings erlebt die Digitalisierung eine in diesem Ausmaß noch nie dagewesen Ausprägung. Im Zeitalter einer immer schneller voranschreitenden Globalisierung gepaart mit einer stark wachsenden globalen Population an potenziellen Konsumenten, schafft das Raum für immer mehr technologische Innovationen, in immer kürzeren Zyklen und einem damit verbundenen „Durst nach digitalen Daten“.

Warum aber wird die Digitalisierung einerseits so stark vorangetrieben und andererseits von den Usern und Konsumenten auch immer öfter als normal und notwendig akzeptiert, obwohl das bedeutet, dass man einen Teil seiner Privatsphäre dafür aufgibt?


Je nach Zielgruppenzugehörigkeit geht es letztendlich immer um die Befriedigung zumindest einer der drei folgenden Bedürfnisse:

1. Convenience und Anerkennung (primäres Motiv der Konsumenten)

2. Wettbewerbsfähigkeit/-vorteil (primäres Motiv der Unternehmen)

3. Information und Kontrolle (primäres Motiv der „öffentliche Hand“)


Man kann natürlich hinterfragen ob sich das tatsächlich auf diese vereinfachte Sichtweise herunterbrechen lässt. Bedenken Sie aber, dass unsere grundlegenden Motivationsfaktoren stark belohnungsorientiert und daher eher rudimentär und simpel ausgeprägt sind.


Was passiert nun mit den ganzen digitalisierten Daten und Informationen, die wir in den meisten Fällen wissentlich und bereitwillig preisgeben? Ich glaube nicht, dass irgendjemand diese Frage faktisch und voll umfassend beantworten kann.

Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass die Digitalisierung im heutigen Umfang eine gewissen Eigendynamik entwickelt hat.

Wir können aber davon ausgehen, dass letztendlich jeder digitale Footprint den wir im Zuge einer Interaktion mit unserer Umwelt hinterlassen, irgendwo, in irgendeiner Form verarbeitet und gespeichert wird. Egal ob wir telefonieren, E-Mails lesen, im Web surfen, Spazieren gehen, reisen, Sport machen oder Einkaufen. Man kann sich der Digitalisierung heute nur bedingt entziehen. Es geht auch gar nicht darum etwas zu verhindern, was offensichtlich Teil einer revolutionären Entwicklung ist.


Es muss und sollte uns aber bewusst sein, dass unser Tun und Handeln in immer mehr Aspekten unseres Lebens nicht mehr im Verborgenen liegt, sondern, zumindest hypothetisch, von Außenstehenden gesehen und transparent gemacht werden kann. Nur unsere Gedanken sind vorläufig noch reine Privatsache.

Weiters glaube ich, dass die aktuelle Entwicklung im Bereich der Digitalisierung auch deswegen so stark ausgeprägt und in gewisser Weise auch unerlässlich ist, weil diese eine notwendige Vorstufe zu neuen Innovationsbereichen wie zum Beispiel der KI mit Ihren unterschiedlichsten Anwendungsbereichen und eine immer wichtiger werdende Voraussetzung für die Vernetzung im Zuge von Forschungstätigkeiten und Entwicklungsarbeit ist.


Die oben beschriebenen Möglichkeiten zur Verschränkung von digitalen Informationen und Daten zwecks Analyse sind aber nur ein Aspekt, der betrachtet werden muss.

Viel kritischer aus ethischer Sicht ist es, die Möglichkeit einer zielgerichteten Manipulation von digitalisierten Daten zu betrachten. Faktisch ist das Risiko einer Manipulation in einer digitalen Welt insofern weitaus höher, da wir in einer digitalen Welt keine persönliche bzw. exklusive Kontrolle mehr über die in unserer Verantwortung befindlichen oder persönlichen digitalen Informationen und Daten mehr haben. Nicht umsonst wird auch in diesem Bereich versucht mit innovativen Lösungsansätzen wie zum Beispiel. Blockchain die Transaktionssicherheit hinsichtlich digitaler Prozesse zu erhöhen und somit auch das Vertrauen bei den Anwendern zu steigern.


Selbst bei der Be- und Verarbeitung von digitalen Informationen und Daten vertrauen wir auf Lösungen von Drittanbietern. Dieses blinde Vertrauen ist uns weitgehend bewusst und in den meisten Fällen leider alternativlos.

Wir tendieren uns damit zu beruhigen, dass es sich bei den Anbietern um große Konzerne handelt, welche am Markt etabliert sind und strenge Auflagen erfüllen müssen, oder wir setzten auf sich selbstregulierende Open Source Ansätze oder Vertrauen auf digitale Bewertungen, denen wir gerne eine Art „Schwarmintelligenz“ zuerkennen. Letztendlich müssen wir uns aber eingestehen, dass wir in einer digitalen Welt weniger Kontrolle über unsere eigenen Daten und Informationen haben.

Problematisch wird es insbesondere dann, wenn digital erfasste Informationen nicht mehr hinterfragt werden und als unfehlbar gelten. Die Konsequenzen daraus wären dramatisch.


Übrig bleibt, dass Digitalisierung zum Wohle der Allgemeinheit und des Einzelnen eingesetzt, aber eben leider auch missbräuchlich verwendet werden kann.

Wir müssen wohl auf die moralische Integrität der Personen, Unternehmen und Institutionen vertrauen, welche auf unser digitales Leben Zugriff haben.


Fakt ist, dass die Digitalisierung einen neuen Machtbereich schafft mit dem behutsam und verantwortungsvoll umgegangen werden muss. Schon Voltaire, Roosevelt und Nixon haben festgehalten, dass mit großer Macht eine große Verantwortung einhergeht.

Trotz aller Annehmlichkeiten und Möglichkeiten, welche uns die fortschreitende Digitalisierung bietet, sollten wir darauf achten uns nicht vollständig in eine elektronische und digitale Abhängigkeit zu begeben. Vor allem aber dürfen wir nicht verlernen uns eine eigenständige, nicht durch die Digitalisierung gesteuerte Sichtweise zu erhalten und uns laufend, als Gesellschaft und als Individuen, kritisch mit uns selbst und unserer Umwelt, abseits der digitalisierten Welt, auseinanderzusetzen.



Über den Autor:

Ing. Wolfgang MItzner, MBA ist seit mehr als 25 Jahren international und national in der IT tätig und leitet seit nunmehr 12 Jahren die IT Abteilung des AIT – Austrian Institute of Technology GmbH. Für Ihn ist in der heutigen Zeit, mehr denn je, Pragmatismus in der IT und im Unternehmen ein wichtiger Aspekt, was auch dazu führt, dass er sich immer wieder kritisch mit gehypten Themen auseinandersetzt. Er sieht den Erfolg von nachhaltigen Veränderung als Resultat eines evolutionären und nicht eines revolutionären Prozesses . Als „Business Consultant im Entscheidungsfindungsprozess" kann der CIO dabei einen essentiellen Beitrag für eine bessere Entscheidungsgrundlage leisten.

Fotos: Milagros Martinez-Flener

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