Der Transformationsmotor muss jetzt auf Touren kommen



Zum 15. Mal hat Confare-Gründer Michael Ghezzo heuer innovative IT-Verantwortliche mit einem Award ausgezeichnet. Und dabei wieder geballten Überblick über aktuelle Trends gewonnen.



Gerade eben hat Michael Ghezzo zum 15. Mal die jährlichen Confare #CIOAwards verliehen. Wie die 14 Jahre davor hat er dazu gemeinsam mit einer Fachjury wieder einen beeindruckenden Stoß an Einreichungen potenzieller KandidatInnen gesichtet – mit all den Schwerpunkten, die darin präsentiert werden. Und zum 15. Mal hat er auch wieder in der IT-Management-Community aktuelle Themen und Projekte gesammelt, um daraus das Programm für das Confare #CIOSUMMIT zu gestalten, das heute längst zum führenden IT-Treffpunkt Österreichs geworden ist. Kaum jemand hat die Möglichkeit, so geballt zu beobachten, welche Aspekte und Trends die heimischen CIOs gerade beschäftigen, wie der Gründer des Veranstaltungs- und Vernetzungsspezialisten Confare.



Diesmal ist das, was sich da beobachten lässt, besonders spannend. So wie überall um uns herum, tut sich nämlich auch in der Welt der IT und der Digitalisierung gerade Entscheidendes: „Es geht nicht mehr darum, dass ein technologisches Thema ein anderes ablöst, sondern es geht um grundsätzliche Entwicklungen“, sagt Michael Ghezzo. „In den letzten zwei Jahren haben wir diesen vermeintlichen großen Digitalisierungsschub erlebt, den Corona mit sich gebracht hat, und wir haben gesehen, wie viele Dinge plötzlich auf kurzen Wegen möglich wurden, die zuvor nicht gegangen wären. Damit ist der Motor aber erst gestartet – jetzt muss er auf Touren kommen. Die digitale Transformation ist ja nicht damit erreicht, dass man jetzt mit Teams arbeitet und die Kommunikation über Video Conferences läuft. Jetzt müssen die einzelnen Maßnahmen orchestriert werden … und das geht weit über die technische Integration hinaus.“


Die Erkenntnis, dass Insellösungen nicht der Weisheit letzter Schluss sind und es einer Orchestrierung und Integration bedarf, ist ja nicht neu. Was ist jetzt das neue Element, das den Trend ausmacht?


Nachdem die IT und die Digitalisierung durch die Pandemie vorstandstauglich geworden sind, wollen jetzt immer mehr Unternehmen den nächsten Schritt setzen. Die längste Zeit, in der wir den Confare #CIOAward verliehen haben, war die IT-Strategie in der Regel ein Nebenaspekt der Unternehmensstrategie. In den letzten Jahren wurde die Forderung nach einer digitalen Strategie zum Thema. Jetzt ist die zentrale Bedeutung der IT und der Digitalisierung für den Unternehmenserfolg offenbar wirklich klar geworden.

Und nun ist eine Business-Strategie gefordert, in der das Digitale mit abgedeckt wird und die IT ein integraler Bestandteil ist.

Spiegelt sich das auch schon in den Einreichungen für den Award wider?


Absolut. Die IT-Verantwortlichen waren ja auch schon früher ein Motor für die digitale Transformation. Aber jetzt verlagert sich die Betonung auch bei ihrer Rolle und ihren Initiativen von Digital auf Transformation. Die Unternehmen und deren Business verändern sich grundsätzlich, das Digitale ist nur ein Aspekt und Beschleuniger dabei. Und auch für die CIOs heißt die große Herausforderung für die kommenden Jahre nicht mehr Technologie, sondern zum Beispiel Kundenzentrierung. Oder Innovationsfähigkeit und natürlich Fachkräftemangel. Technologie ist immer weniger die Grenze des Machbaren – das, was uns heute limitiert, sind klassische Hierarchien. Zugleich sind wir durch die Agilität teilweise überfordert. Dabei geht es jedoch nicht um technische, sondern um kulturelle und menschliche Faktoren.


Was sind in diesem Zusammenhang typische Aspekte, die sich zum Beispiel in den Einreichungen ausmachen lassen?


Das Typische daran ist, dass der Fokus eben nicht mehr auf einzelnen – vor allem technischen – Aspekten und Projekten wie ERP-Initiativen oder spezifischen digitalen Prozessen liegt, sondern auf der Veränderung des ganzen Unternehmens und des Bewusstseins dafür.

In den Einreichungen wird immer mehr dieser gesamttransformatorische Ansatz zum Thema – und zwar mit dem Ziel, das Unternehmen nach vorne zu bringen.

Dazu bekommen die CIOs immer mehr die Möglichkeit, es wird von ihnen sogar immer öfter von den Geschäftsführungen erwartet. Ein konkreter Aspekt, mit dem sich viele CIOs in diesem Zusammenhang schon intensiv beschäftigen, ist zum Beispiel Customer Centricity.


Wie schlägt sich diese Beschäftigung in der Praxis nieder?


Früher wurden ja maximal andere Abteilungen als – interner – Kunde wahrgenommen. Jetzt befassen sich viele CIOs damit, welchen Impact eine Lösung oder ein Software-Produkt auf EndkundInnen hat und was sie aus ihrer Rolle heraus dabei bewegen können. Und immer mehr IT-Verantwortliche reden auch schon direkt mit den EndkundInnen. Das war ja früher undenkbar, dass die interne IT so etwas macht, einerseits, weil sie daran kein Interesse hatte, andererseits aber oft auch, weil das Unternehmen und der eigene Vertrieb das gar nicht wollte.


War hierfür auch die Pandemie ein Treiber, weil die Kommunikation nicht mehr auf die klassische Verbindung zwischen VertriebsmitarbeiterInnen und KundInnen beschränkt war, sondern neue digitale Kanäle für die Kundenkommunikation aufgemacht wurden?


Das kann sicher eine Rolle spielen. Die CIOs, die mir jetzt dazu einfallen, sind allerdings tatsächlich physisch in die Kundenunternehmen gegangen und haben sich beispielsweise die Produktionsmaschinen dort angeschaut. Die Transformation zu einer stärkeren Service-Orientierung und zu As-a-Service-Geschäftsmodellen ist ein wichtiger Aspekt, bei dem die IT besonders gefragt ist. Aber deren Umsetzung ist natürlich weit mehr als ein IT-Projekt, weil es da um die Kundenbeziehung geht … und um Verständnis für die Kundenseite. Das wird von den EndkundInnen zumeist auch sehr begrüßt, weil man nicht nur über Preise und Leistungsversprechen reden möchte, sondern darüber, wie man das Produkt in der Praxis vor Ort am besten einsetzen kann. Die Produktentwicklung und die interne IT spielen – endlich – auch immer enger zusammen. Mit der zunehmenden Digitalisierung wird IT ja immer mehr zu einem prägenden Element eines Produkts. Die interne IT war darin aber viel zu lange kaum involviert. Das ist jedoch dringend notwendig, zum Beispiel beim Thema Security, wenn man virtualisierte Geschäftsmodelle betreibt und dafür auch die eigenen Systeme öffnen muss.


Das bedeutet, dass die CIOs strategisch immer aktiver aus den IT-Abteilungen rausgehen und als Networker und übergreifende GestalterInnen agieren?


Absolut richtig. Die CIOs erkennen zunehmend, dass sie bei der Integration von Business und IT eine gestaltende, aktive Rolle haben. Sie sehen die IT nicht mehr als Enabler oder Service-Dienstleister – für sie ist klar: IT ist Business und Business ist IT. Dementsprechend haben sich die IT-Verantwortlichen bemüht, in den letzten Jahren Business-Know-how aufzubauen, Schnittstellen zu schaffen, sie mit Business Analysts zu besetzen und so die Silos zu überwinden. Allerdings vermissen viele diese Integrationsbereitschaft von der anderen Seite, vom Business.

Die digitale Kompetenz und das Verständnis dafür ist aus der Sicht vieler IT-Verantwortlicher in den Fachabteilungen nicht wirklich substanziell gestiegen …

auch, wenn es immer heißt, dass die Leute im Business immer IT- und Digital-affiner werden. Sie wissen zwar, wie spezielle Features am Smartphone funktionieren, aber nicht, welche Komplexität dahintersteckt. Und Halbwissen ist ja manchmal problematischer als Nichtwissen. Das macht es für die CIOs nicht immer einfach, eine gesamtheitliche Transformation voranzutreiben.


Sind schon konkrete Erfolgsstrategien zu beobachten, wie sich dieses Problem überwinden lässt?


Was sich immer öfter beobachten lässt, ist, dass aus der IT versucht wird, Communities und Netzwerke mit Digital-affinen Leute in den Fachabteilungen aufzubauen. Eine andere Strategie ist eine Co-Location und örtliche Integration von Leuten aus der IT und dem Business. Aber neben diesem informellen Ausstrahlen braucht es auch formelle Instrumente. Angesichts der wichtigen Rolle der IT bei der Veränderung eines Unternehmens ist es nämlich entscheidend, dass sie bei allen Initiativen rechtzeitig involviert und mit an Bord ist, beispielsweise bei Produktentwicklungs-Meetings. Ein Haken dabei ist allerdings, dass dies auch Personalressourcen erfordert.


Lassen sich noch weitere thematische Trends beobachten?


Das Thema Security wird zu einem Paradebeispiel für die gesamtheitliche Transformation und die Integration von IT und Business. Mittlerweile ist klar, dass Usability und Security keine Gegensätze sind, sondern, dass man diese beiden Aspekte zusammenbringen kann und muss. Das Verständnis, dass Security nicht mehr nur als Kostenfaktor gesehen wird, wächst, und die CIOs und CISOs widmen sich verstärkt auch dem Nutzen, den Security generieren kann: Ein Unternehmen kann zum Beispiel bestimmte Services anbieten, weil es mit Datensicherheit umgehen kann. Zugleich wird dafür das Bewusstsein notwendig, dass Information Security und Cyber Security nicht nur Themen für die IT, sondern für Alle sind. Und deshalb gilt es auch, gemeinsam Risiken abzuwägen inklusive Risks of Inaction, also die Risiken, wenn beispielsweise Marktinitiativen aufgrund von Sicherheitsbedenken nicht umgesetzt werden. Diese Erkenntnisse gilt es jetzt umzusetzen.


Apropos Umsetzung: Sind – neben dem aktiven, strategischen Ausstrahlen aus der IT-Abteilung – noch etwaige neue Management-Ansätze zu erkennen?


Die jüngste Vergangenheit und die Gegenwart zeigen sehr deutlich, dass wir heute nicht mehr in der Situation sind, genau zu wissen, was das nächste Geschäftsjahr bringen wird. Das Management des Unerwartbaren und die Nicht-Routine werden zunehmend zur Routine ... natürlich nicht nur für die IT.

Bei den großen gesellschaftlichen Fragen, von der Pandemie bis zum Klimawandel, können und sollten IT und Digitalisierung bei der Antwort aber eine zentrale Rolle spielen, um die Probleme in den Griff zu bekommen.

Entsprechend aktiv richten viele CIOs und CDOs auch ihre Rollen aus, um Veränderung gesamtheitlich zu gestalten. Da gibt es viel Potenzial, etwa, wenn es um die Nachhaltigkeit digitaler Produkte oder um Datensouveränität und -integrität geht. Die zentrale Rolle der IT-Verantwortlichkeiten im Nachhaltigkeitsmanagement ist zwar noch kein wirklich erkennbarer Trend, aber es ist zu hoffen, dass sich das bald ändert.




Von Marion Degener; Fotos: Valerie Maltseva